Als ich das erste Mal auf einem vietnamesischen Markt den Umgang mit Hühnern beziehungsweise mit Tieren im Allgemeinen gesehen habe, war ich leicht schockiert. Wenn man aber genauer darüber nachdenkt, ist meine Meinung inzwischen zweigeteilt. Ich freue mich, dass du da bist.
Bei uns in Deutschland hat die Art der Hühnerhaltung mindestens zwei Seiten. Auf der einen Seite die umsorgenden privaten Hühnerhalter mit Hang zur Helikopterhenne. Menschen, die alles für ihre Hühner tun. Die versuchen die Hähne in gute Hände abzugeben. Die jeder noch so kleinen Auffälligkeit ihrer Lieblinge auf den Grund gehen. Auf der der anderen Seite die mehr oder doch meist weniger artgerechte Massentierhaltung. Das Huhn als lebendes Produktionsmittel für Fleisch oder Eier.
Vietnam ist in sofern interessant, dass ich – zumindest außerhalb der Städte – keine Haltung von Tieren abseits der Nutztierhaltung gesehen habe. Zumindest nicht bewusst. Jedes Tier erfüllt seinen Zweck. Entweder das Tier unterstützt die Nahrungserzeugung und/oder wird selbst Nahrung. Und so handhaben die Vietnamesen es auch mit den Hühnern.
Der Umgang, den man hierbei mit den Tieren beobachtet, wirkt auf den Europäer befremdlich bis verstörend. Das Wohl des Tieres wird seinem Zweck als Nahrungsmittel untergeordnet. Man sieht Fische, die lebend auf dem Verkaufsstand liegen, und nach Luft schnappen. Enten und Gänse, die aus Löchern in Säcken herausschauen. Man sieht Krebse, denen die Beine über dem Rücken zusammengebunden sind, damit sie nicht weglaufen können. Hühner, die mit zusammengebundenen Beinen auf dem Boden vor einem Verkaufsstand liegen. Und die Aufzählung ist bei weitem noch nicht vollzählig.



Tierquälerei? Mal mehr mal weniger. Und mit den Fischen ist Bogen mehr als überspannt. Ich musste aber auch feststellen, dass sehr viele der Tiere relativ entspannt und interessiert aussahen. Kein Vergleich zu den Tieren, die man von Tiertransporten auf der Autobahn kennt. Und natürlich auch kein Vergleich zu den Aufnahmen, die man teilweise in Dokus über die Zustände in Schlachthöfen sieht.
Die Menschen, die ihre Hühner auch schlachten, wissen, dass dies – vorausgesetzt man macht alles richtig – für das Tier ein sehr kurzes, schmerz- und angstfreies Ende ist. Die Tiere kennen den Umgang mit Menschen, werden nicht aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen und nicht über weite Strecken zu einem Schlachthof transportiert, werden nicht gejagt oder anderweitig gestresst und hatten bis zu diesem Zeitpunkt ein schönes und normales Hühnerleben.
Wenn die Tiere, die ich auf den lokalen vietnamesischen Märkten sehe, die gleichen Tiere sind, die ich bei meinen Touren durch das vietnamesische Hinterland sehe, dann ist es hier im großen und ganzen ähnlich. Zumindest bezogen auf die Hühner. Überall sieht man sie freilaufend. Hennen mit Küken. Hähne mit Hennen. Hühner in Kleingruppen. Und viele dieser Hühner scheinen sich großteils selbst zu versorgen. Sie streunern ums Haus auf der Suche nach Nahrung und Massentierhaltung scheint ihnen fremd. Sie kennen den Kontakt zum Menschen, sind neugierig und extrem agil.
Die Bilder auf den vietnamesischen Märkten sind verstörend. Aber zumindest stammt hier ein Teil der tierischen Produkte von relativ artgerecht gehaltenen Tieren. Natürlich wird es in Vietnam auch Massentierhaltung geben. Mich würde aber der Anteil im ländlichen Raum an diesen relativ natürlich aufgewachsenen Tieren interessieren. Und mich würde interessieren ob diese Art der Fleischproduktion im Vergleich zu unserem System bezogen auf den gesamten Lebenszyklus des Tieres hinweg nicht weniger schockierend ist.





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